Breisach Aktuell

Zu Weihnachten werden Märchen wahr…

Eine Weihnachtsgeschichte

Als kleines Kind fand ich es immer schön, wenn sich meine Mutter oder mein Vater erbarmte und mir eine Geschichte vorlas – bevorzugt aus Büchern, die mit großen Bildern diese Erzählung noch plastisch machten.
Eine meine favorisierten Stories hatte den Titel „Die Weihnachtsgans Janina“ – eine leicht melancholische Geschichte um eine schneeweiße Gans, die eigentlich zu Heiligabend in der Bratröhre landen sollte. Der Vogel aber schaffte es, alle derart für sich einzunehmen, dass an Weihnachten zwar die Schüsseln mit Knödeln, Rotkraut, Selleriesalat und Maronen gefüllt waren – eine Schüssel jedoch leer blieb – die mit dem Fleisch. Und Janina knabberte im Kreise der Familie fröhlich ihre Körner.
Eine schöne Geschichte – aber eben eine Geschichte, ein Märchen. Oder doch nicht?
Jahre später, es war im November, klingelte eines Sonntags bei uns das Telefon. Am Apparat war ein Geschäftsfreund meines Vaters, allgemein – zur Unterscheidung von seinem Vater – als „der junge W.“ bezeichnet. Er berichtete, er habe gestern ein Golfturnier gewonnen, Hauptpreis eine Weihnachtsgans – und er mache sich doch eigentlich gar nichts aus Gänsen…
Das war uns zwar neu, aber meine Mutter erklärte sich bereit, wenn er den Braten partout nicht wolle, ihn ihm abzunehmen. „Oh, prima, Gaby – Du hilfst mir sehr. Ich bin in einer halben Stunde bei Euch!“
Der Wagen des „jungen W.“ rollte auch pünktlich 30 Minuten später durch unsere Stichstraße, an deren Ende unser Haus lag. Meine Mutter ging ihm entgegen und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen: Aus der Beifahrertür, die der „junge W.“ eben öffnete, kletterte eine Gans heraus, fröhlich schnatternd. Unser Dackel, der wohl erkannt hatte, dass im Zweifel eine Gans ein nicht ungefährlicher Gegner sein würde, schloss in Windeseile Freundschaft: die beiden Tiere verstanden sich bestens, während die Menschen noch perplex bis verlegen herumstanden.
„Die nimmst aber wieder mit“, sagte meine Mutter. „Aber, Gaby, ich kann sie doch nicht umbringen – und bei uns zuhause kann sie auch nicht bleiben.“ „Bei uns aber auch nicht!“
Stille, Ratlosigkeit.
Bis mein Vater als Deus ex machina eine Idee hatte: „Ihr seid doch Steuerberater– habt ihr nicht einen Kunden im Schwarzwald, der die Gans auf seinem Hof aufnehmen kann?“ So lange, so sein weiteres Angebot, würden wir den Vogel bei uns beherbergen.
Tatsächlich hatte die Kanzlei einen großen Hof als Kunden, wohin nach einer knappen Woche die Gans verbracht wurde. Immer wieder fragten wir nach ihr, besuchten sie sogar. Sie starb eines natürlichen Todes und jedes Weihnachten, wenn eine braungebratene Gans auf dem Tisch steht, muss ich an das Buch “Die Weihnachtsgans Janina“ denken und wie eine Märchen-Geschichte wahr geworden ist. (paw)

Teilen Sie jetzt diesen Beitrag! Unsere Sharing-Buttons stehen im Einklang mit dem deutschen Datenschutzrecht.

Das könnte Dich auch interessieren …