Markgräfler Bürgerblatt

Wirklich alles nur ein Spiel?

„The Island“ - Theaterabend nach William Golding an der Freien Waldorfschule. Foto: Petra Leisinger-Burns.

Theaterabend an der Freien Waldorfschule

Müllheim. Die 11. Klasse der Freien Waldorfschule in Müllheim zeigte das Theaterstück „The Island“ – frei nach dem Roman „Herr der Fliegen“ von William Golding. Schauplatz des Geschehens ist eine Insel, die Protagonisten sind allesamt Jugendliche. Schnell wird klar: diese Jugendlichen kennen sich nicht, sind nicht freiwillig hier. Das Flugzeug, mit dem ihre Eltern sie aus dem Kriegsgeschehen evakuiert haben, ist auf dieser paradiesisch anmutenden Insel abgestürzt. Nun sind sie auf sich alleine gestellt.

William Golding thematisierte 1954 in „Herr der Fliegen“ existenzielle Fragen nach den Grenzen der Freiheit, nach der Sehnsucht nach Gemeinsamkeit, nach Macht und Einfluss. Auf der Insel treffen sich Einzelne, ein Chor hat sich bereits zusammengefunden, der singend einmarschiert, dem vermeintlichen Trompetensignal folgend. Der Ton entstammt einer großen Muschel, in die einer der Jugendlichen bläst um eventuelle andere auf der Insel herbeizurufen. Bei der Suche nach dem Miteinander orientieren sich die Jugendlichen an Formen, die sie kennen – Versammlungen abhalten, Abstimmungen durchführen, Anführer wählen. Gemeinsam erkunden sie die Insel voll Freude. „Es gibt keinen Grund zu kämpfen, die Insel gehört uns allen“, sagt einer.

Noch gibt es nur kleine Risse, Geplänkel um das erste Wort, um die Hierarchie in der Gruppe. Die Muschel wird zum Symbol der Einheit, zum kostbarsten Wertgegenstand, der das friedliche Miteinander repräsentiert. Doch die Gemeinschaft zerbricht in zwei Gruppen, die Jäger, die Speere herstellen und den Schweinen nachstellen, die anderen, die ein Lager und Hütten bauen. Der Kampf um die Macht, um die Führerschaft, wird angeheizt durch die Angst vor dem „Monstertier“, das jemand gesehen haben will. Die Lieder werden abgelöst durch gemeinsames Skandieren von Kampfesrufen, der geordnete Marsch ersetzt durch ritualisierte Tänze, die in tranceartigem Blutrausch bis zum Mord führen.

Die aus der Angst vor dem Unbekannten resultierende Brutalisierung wird von den Akteuren mit großer Intensität vorgeführt. Mit klarem Blick für die inneren Abgründe der Figuren und die unvermeidbaren Eskalation machen die SchülerInnen zusammen mit Jens Grühn, dem Regisseur, Abläufe und Verhaltensmuster nachvollziehbar. Die Bühne bietet durch die Anordnung im Saal mehrere Spielorte, das macht die Insel groß. Die Jugendlichen arbeiten eindringlich heraus, wie Aggression gegen Fremdes aufbricht, wie ein Einzelner ausgegrenzt wird, weil er nicht wie erwartet mitspielt, wie Unsicherheit und Angst den Ruf nach einem Führer verstärken, wie Gesprächsbereitschaft unter roher Gewalt erstickt.

Schließlich erscheint ein Marineoffizier in makellosem Weiß wie ein deus ex machina auf der Insel – die Rauchzeichen haben ein Schiff angelockt. Mit einem Blick erfasst er die prekäre Lage – „Es war ein Spiel“, sagt er, keinen Widerspruch duldend. Zunächst erleichtert über diese Rettung, beschleicht das Publikum dann doch ein ungutes Gefühl, als die Jugendlichen bereitwillig wieder in militärischer Linie der alten Autorität folgen. Bis auf einen, der gebrochen zurück bleibt – war es, ist es wirklich ein Spiel? Die Zuschauer bedankten sich mit großem Applaus für den aufwühlenden und zum Nachdenken anregenden Abend. (SMF)

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