Markgräfler Bürgerblatt

Was macht das Christfest aus? Weihnachten ist mehr als viele Geschenke

Die Krippe malte die elfjährige Annika Sch., Teilnehmerin des Weihnachtsmalwettbewerbs

Es ist schon viele Jahre her. Ich war damals mit einer Pfarrerin befreundet und als es auf den Heiligen Abend zuging, drückte sie mir eine Liste in die Hand, deren Kern eine Riesenmenge Wienerle, einige Pfund Kartoffeln und jede Menge Orangen und Mandarinen war. Verblüfft besorgte ich diese Mengen und fragte mich, wie man zu Zweit das denn sinnvoll aufbrauchen könne. Wie sich herausstellte, begann sie am Abend des 23. Dezember Kartoffelsalat in den verschiedensten Formen herzustellen – sogar eine Variante mit Mayonnaise(!) war darunter.
Am 24. morgens in aller Herrgottsfrühe kam ein riesiger Topf mit Wasser auf den Herd, drin ein Großteil der von mir besorgten Wienerle. Ich musste zum Bäcker, Weckle holen, unterdessen kamen Bestecke und Teller auf den Tisch sowie, darauf hatte ich bestanden, verschiedene Sorten Senf.

„Und was soll das jetzt?“ fragte ich. „Wart’s ab!“, war die Antwort meiner Pfarrerin. Und tatsächlich – es war noch vor 9 Uhr – klingelte es: eine ältere Frau stand draußen und wollte die Pfarrerin sprechen. „Lass die Tür gleich offen“, rief die aus der Küche, „dann sparst Du Dir manchen Gang!“ Sie sollte recht behalten: es klingelte laufend, immer mehr Leute kamen.

In der Küche, rund um den großen, alten, verschrammten Tisch, saßen bald jede Menge Gemeindemitglieder – junge, alte, reiche, arme, gesunde und kränkelnde, einsame, traurige und fröhliche. Es war eine lebhafte Unterhaltung im Gang, jeder wusste eine Geschichte – meist weihnachtlicher Art – zu erzählen und ging tatsächlich mal der Gesprächsstoff aus, wurde gesungen. Ich weiß nicht, wie viele Bestecke und Teller ich spülte und wie viele der Besucher mir mit blauweißen Geschirrtüchern zur Hand gingen, ich weiß nicht, wie viele Apfelsinen die verschiedenen Mitglieder der Tafelrunde schälten und verteilten – es war eine herrlich-heimelige Atmosphäre, die jeden einbezog und keinen ausschloss.

Ich bekam mit, dass Agnes, so hieß meine Pfarrerin, mit manchen Besuchern bevor die die Küche betraten, in einen Raum ging, von dem ich wusste, dass er an sich leer war und nur der Aufbewahrung von Mänteln und Schuhen diente. Mit anderen hingegen ging sie nach deren Besuch in der Küche in den Raum. Seltsam.

Gegen halb fünf begann allgemeiner Aufbruch und während meine Pfarrerin ihre Notizen durchging und sich für die Weihnachstandacht umzog, räumte ich die Küche auf. Praktisch alle Würstle waren weggeputzt worden, nur noch schäbige Reste der Kartoffelsalate fanden sich in der einen oder anderen Schüssel, es gab keine Orangen mehr und auch die Weckle waren weg – Gott sei Dank hatte eine Besucherin ein Bauernbrot mitgebracht, das auch bis auf einen kleinen Ranken verspeist worden war. Aber was war mit dem Zimmer gewesen?

Ich lugte hinein – und wurde prompt von Agnes „erwischt“: „Neugierbollen“, lachte sie und erklärte mir, dass viele Gemeindemitglieder dorthin Geschenke gelegt hätten, verpackt oder auch unverpackt, meist praktische Sachen: Kleidung, Schuhe, Mäntel, Jacken oder Lebensmittel – für jene, die etwas eng mit der Rente waren und damit an den Festtagen nicht Schmalhans Küchenmeister sein werde. Für Agnes als Pfarrerin waren die Feiertage intensive Arbeitszeit; ich fuhr am 25. Morgens zu meinen Eltern. Es war dort ein schönes Fest – und doch hatte ich das Gefühl, dass das Geschehen in der Pfarrküche gestern Morgen mehr Weihnachten war als unser gesetztes bürgerliches Fest. (MBB)

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