Markgräfler Bürgerblatt

Lynchmord am Neuenburger Autobahnparkplatz

Das Gerichtsgebäude in Freiburg, in dem der Lynchmord verhandelt wird. Foto: Deckert

Prozess lässt in Abgründe blicken

Umarmung: Vater und Sohn vor Gericht, im Hintergrund der libanesische Dolmetscher des Vaters. Foto: Deckert

Umarmung: Vater und Sohn vor Gericht, im Hintergrund der libanesische Dolmetscher des Vaters. Foto: Deckert

Freiburg. Was soll man denken über einen jungen Mann, der einen anderen ersticht und hinterher gegenüber der Polizei sagt, es habe ihm gut getan, die Tat zu begehen? Akram Y. sagte dies über die 23 Messerstiche, die im vergangenen Juni Patrick H. (27) in Neuenburg töteten. „Es hat Spaß gemacht, ich hoffe, dass er tot ist“, so der heute 18-jährige Mordverdächtige bei seiner Verhaftung. Der Polizeibeamte, der Akram nach der Bluttat verhaftete, berichtete vor Gericht, dass der junge Verdächtige erst als er allein in der Haftzelle gesessen und vom Tod seines Opfers erfahren habe, „wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen“ sei.
Akram, sein Vater Moustapha (48) und zwei weitere 19 und 21 Jahre alten Mittäter stehen seit zwei Monaten wegen des Lynchmords von Neuenburg, der bundesweit für Schlagzeilen sorgte, vor Gericht. Patrick H. soll eine Woche vor der Tat die Schwester Akrams vergewaltigt haben. Die Familie, so zeichnet sich in dem Prozess deutlich ab, wollte nicht warten, bis die Polizei den Verdächtigen fasst. Vielleicht hätte der Mord verhindert werden können, wenn die Polizei das Thema ernster genommen hätte. Zumindest drängt sich diese Frage auf, wenn man die Zeugenaussage einer Psychologin hört, die Akrams Schwester nach der Tat betreut hat. Die ehrenamtliche Mitarbeiterin der Beratungsstelle „Frauenhorizonte“ in Freiburg schilderte, dass sie das Opfer der Vergewaltigung sowohl am Tatabend als auch bei der Tatortbegehung am Folgetag begleitet habe. Die ganze Familie sei so in Aufruhr gewesen, dass die junge Frau fast in ein Frauenhaus gegangen wäre, das ihr die Psychologin empfahl. Beide Eltern wären vom Gedanken an Rache besessen gewesen. „Es ging um die Frage, wer sich opfern und ins Gefängnis gehen wird: Vater oder Mutter“, so die Zeugin. Die Frau informierte die Polizei, doch die Beamten sagten, dass sie keine Handhabe gegen die Eltern hätten: Es sei ja nur gedroht worden. Oder, wie es einer der Polizisten vor Gericht ausdrückte: „Es wird ja nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Dabei, so die Mitarbeiterin von „Frauenhorizonte“, sei aus ihrer Sicht klar gewesen, dass zumindest der Familienvater nicht mehr für vernünftige Argumente zugänglich gewesen sei.
Dass sie mit ihrem Verdacht nicht falsch lag, haben die Fakten rückblickend gezeigt: Patrick H. starb am 18. Juni 2014 an den Folgen von 23 Messerstichen, die Akram Y. ihm mit Unterstützung seines Vaters, der auf das Opfer mit einem Schlagstock eingeschlagen haben soll, zugefügt haben soll. Die beiden Libanesen folgen dem Strafprozess mehr oder minder ungerührt. Auch der 21 Jahre alte deutsche Mitangeklagte, der Patrick H. zumindest zu Beginn des Mordgeschehens festgehalten haben soll, gibt sich vor Gericht locker: in der Verhandlungspause scherzt er mit Freunden und liebkost seine Freundin. Einzig der vierte, 19 Jahre alte Angeklagte wirkt wie benommen von dem Gerichtsverfahren. Er soll Patrick H. unter dem Vorwand, ihm Drogen zu verkaufen, in die tödliche Falle auf dem Pendlerparkplatz gelockt haben. Das Urteil gegen die vier Männer wird frühestens Mitte Juli erwartet. (MBB)

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