Markgräfler Bürgerblatt

Krieg im Valle di Ledro 1915 – Ein Tal flieht nach Böhmen

Arturo Coali Foto: paw

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Müllheim. Die SchülerInnen, die dieser Tage in Müllheims Partnerstadt Valle di Ledro fuhren, mögen sich vielleicht gewundert haben, dass sie dort, in Italien, auf der Speisekarte der Gasthäuser und vielleicht in den Familien der italienischen Freunde, böhmische Spezialitäten wie Knödel oder Gulasch fanden.
Arturo Coali, seit 1962 in Müllheim ansässig, erklärte dem Team des Markgräfler Bürgerblattes diese Merkwürdigkeit: „Das Valle di Ledro liegt im Trentin. Früher gehörte das Alpental zur österreichisch-ungarischen k.u.k. Monarchie wie das heutige Tschechien. Im Frühjahr 1915 erklärte Italien der Donaumonarchie den Krieg.“
Pfingsten 1915, also ziemlich genau vor 100 Jahren, mussten die Bewohner des Ledrotales Hals-über-Kopf ihre Heimat verlassen. Binnen 24 Stunden sollte es, so wünschten es die österreichischen Militärs, dort, direkt an der Grenze zu Italien, keine Zivilisten mehr geben. Alles musste zurückbleiben – Häuser, Arbeit, Vieh, Besitz. Grund für diese Maßnahme war, der Zivilbevölkerung zu ersparen, in die Kriegshandlungen verwickelt zu werden. Zum anderen aber fürchteten die k.u.k. Behörden, dass sich die italienischsprechenden Bewohner des Tales mit dem „Feind“ verbünden könnten. Diese Massenflucht betraf tausende Familien, berichtet Arturo Coali – 11.000 Menschen sollten nach Ober- und Niederösterreich, aber vor allem nach Mittel-, West- und Ostböhmen sowie nach Mähren gebracht werden. Darunter waren auch die Leute aus dem Ledro-Tal. Zwei Drittel der dortigen Gesamtbevölkerung, insgesamt 3000 Menschen, wurden evakuiert. „Es waren Frauen, Kinder, arme und alte Leute. Die Männer waren als Soldaten an der Front in Galizien“, erzählt Arturo Coali.
Zuerst, so erzählt man sich in der Familie Coali, ging es zu Fuß Richtung Gardasee, dann mit dem Zug, in Viehwaggons, nach Böhmen, dem heutigen Tschechien. Drei Tage dauerte die Fahrt. Es war nicht leicht dort diese Flüchtlinge unterzubringen – meist erstmal in den Tanzsälen der örtlichen Gasthäuser. Dazu kam die Sprachbarriere: Die Neuankömmlinge verstanden nur Italienisch, die Böhmen nur Tschechisch, maximal noch Deutsch. Mit der Zeit lernte man die Sprache, fand Arbeit. Die Böhmen wurden mit der Zeit Freunde, es gab Geburten und noch heute erinnern in Tschechien Gräber italienischer Emigranten an die Zeit, immerhin starben dort 300 bis 400 Leute aus dem Valle di Ledro.
Ledro, so erzählt Arturo Coali, war eine in sich abgeschlossene Welt. „Wer nicht in der kaiserlichen Armee war oder mit dem benachbarten Italien Handel betrieb, der kam sein ganzes Leben lang nicht aus dem Tal heraus.“ Coalis Vater Massimo, Jahrgang 1897, kam aus Ledro heraus: er war „Kaiserjäger“, Angehöriger einer österreichischen Infanterie-Einheit, die zunächst in Galizien gegen Russland kämpfte, dann aber besonders in den Bergen. Mit Kriegsausbruch zwischen Italien und Österreich-Ungarn 1915 wandelte sich die Bergwelt, „überall waren Kanonen, Bunker, Stellungen, Munitionsdepots“, erzählt Coali. Heute sind diese Befestigungen in den Bergen noch zu sehen, haben die Kämpfe sichtbare Spuren hinterlassen. Der Krieg zerstörte das Ledro-Tal völlig, von den Dörfern waren nur noch Trümmer übrig.
Die italienischen Familien blieben bis Ende 1918, teils bis Anfang 1919 in Böhmen. Waren sie 1915 noch entsetzt gewesen, dorthin verschickt zu werden, wurde es nun ein trauriger Abschied. Durch den Zweiten Weltkrieg und die Teilung Europas brachen die Kontakte zwischen ab, nach der Wende kam es wieder zu gegenseitigen Besuchen.
Heute erinnern, wie Arturo Coali erzählt, „zum Beispiel die Knödel“ an die Zeit der Evakuierung: „wir essen noch Knödel. Wir nennen sie `gnocchi boemi´, böhmische Knödel. Sie haben etwas Süßes in der Mitte, beispielsweise Pflaumen, sind groß und aus Hefeteig. Es gibt noch weitere Gerichte wie die Gulaschsuppe. Die Alten sagen, das kommt von damals, das kommt aus Böhmen.“
Vor 100 Jahre Krieg im Valle di Ledro. Heute erinnert der „Sentiero della Pace“, der „Friedenspfad“, an die damaligen Kampfgebiete, verbindet über 600 km – vom Stilfser Joch bis zu den Julischen Alpen –Punkte der ehemaligen Front des Ersten Weltkriegs.
„Heute“, sagt Arturo Coali, der Sohn des österreichischen Kaiserjägers Massimo Coali, „ist das alles nur eine böse Erinnerung – im geeinten Europa verstehen wir uns, reden miteinander und besuchen uns. Ich hoffe, so ein Krieg wird nie wieder stattfinden!“

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