Breisach Aktuell

Festspiele feiern großartige Premiere

Das Ensemble der Festspiele freut sich über den guten Start in die Saison 2016. Bild: Festspiele Breisach

Emotionale Tragik auf dem Breisacher Schlossberg

Endlich: vergangenen Samstag öffnete sich der Vorhang der Breisacher Festspielbühne. „Der Glöckner von Notre Dame“ von Victor Hugo wurde dem Premieren-Publikum vorgelebt.
Regisseur Armin Kuner zauberte aus diesem opulenten Stücke die perfekt inszenierte Bühnenfassung. Es wäre vermessen, die Worte ‚vorgeführt‘ oder ‚gespielt‘ zu verwenden. Authentisch, verinnerlicht, die eigene Persönlichkeit der Akteure trat in deren Körper beiseite und schaffte Platz für ihre Theaterrolle. Von der ersten Minute an entführten sie die Zuschauer in das düstere, von kirchlicher Grausamkeit, Engstirnigkeit und Armut geprägte Paris des Jahres 1482. Das Leben spielte rund um die Kathedrale von Notre Dame, die sich gerade im Bau befand.

Eine ausweglose Liebe
Paris wird von Zigeunern, Bettlern und Heimatlosen geradezu überschwemmt. Diese sind der Kirche und feinen Gesellschaft ein Dorn im Auge – verbreiten sie statt des katholischen den heidnischen Glauben und ziehen mit ihren Hexereien die Pariser Bürger ihren Bann. Bereits die erste Szene zeigte jedoch die wahren Hexen – einen für die damalige Zeit mutigen Angriff Victor Hugos auf die Kirche. Drei Ordensschwestern entdecken einen grauenhaft entstellten Säugling auf der Treppe der Kathedrale – Quasimodo (Harald Bürgin). Doch statt diesen in ihre Obhut zu nehmen, raten sie dem Geistlichen Claude Frollo (Frank Ganz), diesen mit Reisig zu verbrennen. Doch der bis dato gottgläubige Frollo zieht ihn auf und macht ihm zum Glöckner von Notre Dame. Eines Tages entdeckt er die begehrenswerte Zigeunerin Esmeralda (Johanna Herdemerten) beim Tanzen. Seine Seele wird entzweit. Der Kampf zwischen dem Verlangen nach körperlicher Lust und dem selbstlosen Leben für Gott treiben ihn in den Wahnsinn. Sein Ziehsohn soll Esmeralda entführen, was jedoch misslingt. Der tapferen Hauptmann Phöbus de Chateaupers (Mike Meier) weiß dies zu verhindern. Damit erobert er Esmeraldas Herz im Sturm. Für Phöbus die Gelegenheit für ein weiteres Abenteuer. Mit einer aufregenden Nacht im schäbigen Zimmer von Wirtin Faloudel (Patricia Kaiser) will der Hauptmann in den Genuss von Esmeraldas Weiblichkeit kommen. Der von Eifersucht getriebene Frollo lauert den beiden auf. „Wenn nicht ich, dann soll sie niemand haben“, mit diesen Gedanken sticht er Phöbus nieder und flieht.

Fortsetzung Seite 3.
Esmeralda wird des Mordes angeklagt und soll hingerichtet werden. Für Frollo eine erneute Chance. „Ich kann dich retten. Wenn du erst einmal bei mir bist, wirst Du Zeit haben, mich lieben zu lernen“, greift er in absoluter Verzweiflung nach dem letzten Strohhalm Esmeraldas Herz zu gewinnen. Doch – sie zieht den Tod vor. Auch Quasimodo ist längst Esmeralda verfallen. Er rettet sie vor dem Henker. Fortan lebt sie im Schutz der Kirche. Die Zigeuner planen währenddessen den Aufstand. Sie fordern Gerechtigkeit und Freiheit für Esmeralda. Doch damit ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt. Wird ihr Vorhaben erfolgreich sein? Ist Phöbus wirklich tot? Was hat es mit dem geheimnisvollen Babytausch zu Beginn des Stückes auf sich? Welche Rolle spielt die verhärmte Paquette Chantafleurie (Eva Heitzmann)? Findet Esmeralda ihr Glück? Wie lebt Quasimodo weiter? Alle diese Fragen werden über die Spielzeit hinweg in einem atemberaubenden Spannungsbogen aufgebaut und in einem großen Feuerwerk beantwortet.

Meisterhaft
Mit diesem Stück katapultieren sich die Festspiele als leuchtender Stern an den Theaterhimmel. Das Stück ist geprägt von einer Vielzahl kleiner, in sich gestrickten Geschichten. Am Ende fügen sie sich wie kleine Puzzleteile zu einem großen Bild zusammen. Zur Verblüffung der Zuschauer, die oftmals einen anderen Ausgang vermutet haben. Regisseur Armin Kuner fasst alle wichtigen Elemente der Romanvorlage Hugos als Bühnenstück zusammen. Mit vielen Szenen bohrt er sich tief in das emotionale Empfinden der Zuschauer. Schonungslos lässt er sie an der Grausamkeit des Mittelalters teilhaben. Quälende Minuten vergehen in einer der (!) Schlüsselszenen: Quasimodo wird mit 20 Peitschenhieben bestraft, vom Volk verhöhnt und verspottet. Einzig Esmeralda zeigt Mitleid und reicht ihm Wasser. Gänsehaut machte sich im Publikum breit. Die Rollen der Akteure sind ihnen auf den Leib geschrieben. Die Bühnenbildner um Stephanie Breitenstein haben ein opulentes Bühnenbild geschaffen. Dennoch drängt sich die halbfertige Kathedrale von Notre Dame nicht in den Vordergrund. Licht und Ton sorgen für stimmungsvolles Ambiente. Die Teams von Kostüm (um Bärbel Albiker) und Maske (um Brigitte Paulsen-Uhl) zeigen ihr volles Können. Das entstellte Gesicht von Quasimodo, die vernarbte Haut von Frollo, die verdreckten Zigeuner und die feinen Damen – mit akribischer Liebe zum Detail öffnen sie die visuelle Pforte zum damaligen Leben und Treiben in Paris. Die Verzweiflung Frollos wird mit Tanz (Choreographie Susanne Rath-Prazak) untermalt. Armin Kuner lässt einige Passagen erzählen und heizt somit das Gedankenkino der Zuschauer an. Das Premierenpublikum zollte mit minutenlangem Applaus den Akteuren vor und hinter der Bühne allergrößten Respekt vor deren Leistung. „Der Glöckner von Notre Dame“ ist ein überragendes Meisterstück der Schauspielkunst und darf nicht verpasst werden.

Die nächsten Spieltermine sind: Juni: 18./25.; Juli: 2./3./16./17./23./24; August: 13./14./20./21./27./28; September: 3./4./10.
Tipp: Am kommenden Sonntag, 19. Juni, startet das Kinderstück „Die Bremer Stadtmusikanten“. Weitere Informationen erhalten Interessierte auf der Homepage unter: www.festspiele-breisach.de

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