Markgräfler Bürgerblatt

Ein Gang über den Weihnachtsmarkt – Zurück in die Kindheit

Noch stehen Markt und Straßen nicht verlassen: Weihnachtsmärkte locken überall. Foto: paw

Natürlich, man kann sie ablehnen. Purer Kitsch, purer Kommerz, pure Gefühlsduselei und dazu noch gefühlte 1.000 x „Last Christmas“.
Nein, man muss sie nicht mögen, die Weihnachtsmärkte, die allenthalben stattfinden, von Vereinen, Schulen, Tourismusorganisationen und wer weiß noch von wem veranstaltet. Also: Weg mit Weihnachtsmärkten!
Tut mir leid. Ich lehne jene ab, die so denken. Die mir sagen wollen, was ich gut zu finden habe und die mir den Spaß daran verderben wollen, einmal – ganz kurz nur – in die Kindheit zurück zu schlüpfen.
Auch damals gab es schon Weihnachtsmärkte. Nicht so groß und so durch organisiert wie heute und, vielleicht, tatsächlich noch etwas heimeliger. Aber es gab sie. Und wenn ich heute über einen Weihnachtsmarkt gehe, dann sehe ich Bilder aus meiner Jugend vor mir. Ökofreaks werden mir recht geben wenn ich sage, dass heute der Schnee und die klirrende Kälte fehlen, die eigentlich unabdingbar für so einen Markt sind. „Klimaerwärmung!“, sagen sie ernst und heben mahnend den Zeigefinger. „Quatsch“, sagen die Meteorologen und belegen, dass es früher durchaus auch verregnete Schmuddelwinter gegeben hat.
Das mag ja sein, so oder so, aber ich sehe immer meinen Vater vor mir, der in einen schwarzen Lodenmantel gehüllt, einen dicken Schal um den Hals geschlungen, die Hände in gefütterten Handschuhen, über den Markt stapfte. Und wenn ich mich anstrenge, dann höre ich neben „Stille Nacht“ – Whams „Last Christmas“ hatte noch nicht das Notenpapier erblickt – leise den Schnee unter seinen dicken Winterschuhen knirschen.
Sicher, die Märkte waren kleiner. Aber damals wie heute gab es kitschige Krippenfiguren und köstlich duftende Bienenwachskerzen (denen meine Mutter nie widerstehen konnte und die dann bis Heiligabend den Duft im Haus dominierten), es gab mehr oder minder gelungene Schnitzereien, Zinnfiguren und Blechschilder, es gab Zuckerwatte und Glühwein, gebrannte Mandeln und Maroni, Bierstände und die obligatorische Sektbar, den Bratwurststand und die Eintopfküche. Und alles mischte sich zu einer wundersamen Duftkombination, die man nicht beschreiben kann: man muss sie einmal in der Nase gehabt haben um zu wissen: „Ja, so muss wohl ein Weihnachtsmarkt riechen!“
Mein Weihnachtsmarktbegeisterter Vater ließ wenig aus, kulinarisch gesehen: Glühwein und eiskaltes Bier, Lebkuchen und ein Glas Sekt mit den Freunden, die man eigentlich jedes Jahr und doch immer wieder ganz unvermutet auf dem Weihnachtsmarkt traf. Eine Bratwurst war obligatorisch und – für ihn die absolute Glückseligkeit – wenn es statt Eintopf „Borschtsch“ gab, den ich allein wegen seiner knallroten Farbe verabscheute. Zwei Teller mussten es schon sein, und die wurden – alle Jahre wieder – von den regelmäßigen, aber völlig wirkungslosen Ermahnungen meiner Mutter begleitet: „Du wirst Dir den Magen verderben!“.
Er verdarb ihn sich nicht. Nie. Ob es daran lag, dass mit ein paar ebenfalls beim Rundgang aufgelesenen Bekannten zuhause recht ausdauernd dem Verdauungsschnaps zugesprochen wurde, weiß ich nicht. Ich glaube, es lag mehr daran, dass sich alle pudelwohl fühlten und ihre eben erworbenen Schätze vorführten. Die Bienenwachskerzen, die Zinnanhänger für den Baum, die Glaskugeln, fein von Hand bemalt, kleine Messingglöckchen, die an Heiligabend die Bescherung einläuten würden und auch den etwas arg bunt bemalten Engel, den mein Vater meiner darob etwas entsetzten Mutter lächelnd überreichte.
Und während unten die Erwachsenen noch den Markt nachfeierten, lag ich oben im Bett und sah – einschlafend – noch die Bilder des eben Erlebten vor mir.
Und die sehe ich heute noch, wenn ich über einen Weihnachtsmarkt gehe. Meine Eltern, ihre Freunde, die Bekannten von damals – sie sind längst alle tot. Aber dann, vor Weihnachten, sehe ich sie wieder und es ist, als begleiteten sie mich erneut über den Markt.
Und dieses Wiedersehen lasse ich mir von keinem nehmen! (spk)

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