Breisach Aktuell

Ein deutscher Schicksalstag

…und zum Schluss gewährte man den Verfolgten nicht einmal mehr ein Grab auf ihrem Friedhof… Foto: HL

Breisach. Morgen ist der 9. November – für uns Deutsche kein normales Datum. Man kann, nein, man muss den 9. November als einen deutschen Schicksalstag begreifen.
Am 9. November 1918, vor 100 Jahren, rief Philipp Scheidemann die Republik aus, gab sozusagen den Startschuss für ein demokratisches Deutschland. Aber schon fünf Jahre später marschierten braune Horden gegen diese Demokratie: am 9. November 1923 putschte Adolf Hitler mit dem „Marsch auf die Feldherrnhalle“ gegen die legitime Regierung, erfolglos.

15 Jahre später erreichte Deutschland einen Tiefpunkt seiner Geschichte: angeblich, so Propagandaminister Joseph Goebbels, habe sich der Volkszorn über die Ermordung eines deutschen Diplomaten durch einen Juden Luft gemacht. Lüge! Die sogenannte „Reichskristallnacht“, wie die Nazis das Novemberpogrom von 1938 beschönigend nannten, sollte nur die Schraube der Entrechtung der jüdischen Mitbürger weiter anziehen. Synagogen brannten, Geschäfte wurden geplündert und zerstört, Menschen, die gestern noch Mitbürger waren, von johlenden Massen drangsaliert.
Auch die Breisacher Synagoge wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch die Sturmabteilung unter der Leitung eines SA-Standartenführers aus Freiburg, niedergebrannt. Wie konnte das passieren? Die Reichspogromnacht weckt auch vor Ort beschämende Erinnerungen, wie angesehene jüdische Bürger Breisachs ausgegrenzt, verfolgt, verschleppt und getötet wurden.
Aber das ist doch lange her, mögen einige sagen. Wirklich?
Werden nicht heute wieder Menschen, Deutsche, die sich zum jüdischen Glauben bekennen, verfolgt, geschlagen, verletzt? Werden jüdische Friedhöfe nicht geschändet? Werden nicht heute auch wieder Andersdenkende ausgegrenzt? Wird nicht auch heute immer wieder der Diskurs verhindert, weil es mühsam wäre, sich mit anderen, fremden Argumenten auseinanderzusetzen? Neigen heute nicht wieder johlende, zügellose Massen zu Brandschatzung, Plünderung, Gewalt?
Gewiss, Deutschland hat – schmerzhaft – gelernt. Doch gelernt haben heißt nicht, dass man nicht auch wieder vergessen kann.
Dafür das Verantwortungsgefühl wach zu halten, dafür sind solche Gedenktage da – auch wenn sie manchen Zeitgenossen antiquiert, überholt oder gar lästig erscheinen mögen.
Denn es ist keinesfalls sicher, dass uns immer wieder ein gütiges Schicksal zur Seite steht. Wie am 9. November 1989, der vielen in anderer Bedeutung im Kopf und im Herzen bleibt: Gerne denken wir an hupende Trabis und auf der Berliner Mauer tanzende Menschen.
Der 9. November – ein deutscher Schicksalstag.

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