Markgräfler Bürgerblatt

Drei Fragen an… Bülent Gençdemir

Drei Fragen an…

Bülent Gençdemir, Filmproduzent und Geschäftsführer der Südfilm Film- und Fernsehproduktion aus Freiburg

Bülent Gençdemir ist in Deutschland geboren. Der gelernte Mediengestalter war technischer Leiter beim Funk- und Fernsehen, bevor er sich mit seiner eigenen Firma selbstständig machte. Mit ihr dreht er unter anderem Imagefilme für Unternehmen, arbeitet für verschiedene Kommunen wie beispielsweise die Stadt Freiburg und produziert auch die in Deutschland spielende Folgen türkischer Fernsehserien. Gençdemir ist verheiratet und Vater zweier Söhne.

Sie sind in Deutschland zuhause, sind deutscher und türkischer Staatsbürger, kennen die hier herrschenden Regeln und Gepflogenheiten: wie empfinden Sie die Entwicklung in der Türkei, wie die Verschlechterung des deutsch-türkischen Verhältnisses? Was hat sich durch Erdogan und die AKP in der Türkei gegenüber früher verändert? Warum will Erdogan unbedingt hier Wahlkampf führen, obwohl die türkischen Gesetze dies eigentlich ausschließen?

Ich möchte Ihre Frage so knapp wie möglich beantworten: Über eine Weiterentwicklung der Türkei können wir leider nicht sprechen, da sich das Land nicht fortschrittlich voran entwickelt. Es ist eher ein Abbau seines einst geschätzten Entwicklungspotenzials. Wenn Despoten das Land regieren, entsteht ein Vakuum im Inneren des Landes: Alle müssen seinen Ansichten folgen, ob es Ihnen passt oder nicht.

Das deutsch-türkische Verhältnis ist nur eine der viele Verbindungen, die sich verschlechtert haben. Erdoğan hat sich nicht nur Freunde gemacht, sondern auch kritische Gegner. Das Verhältnis Deutschland/Türkei war auch nie das Beste. Es sind Abmachungen getroffen worden, die für alle Beteiligten wenig schmeichelhaft sind. Die Zeit ist gekommen, dass Deutschland Farbe bekennen und sich nicht in Situationen begeben sollte, durch die es vom Bosporus erpressbar wird: Sollte der sogenannte Flüchtlingsdeal scheitern, ist nichts wirklich verloren. Man muss endlich ein System entwickeln, das an die aktuellen Gegebenheiten angepasst ist. Wahre Flüchtende haben ein Anrecht auf Obhut, keine Frage. Diese Hilfsbedürftigen muss man von den anderen „Scheinflüchtlingen“ trennen und jedem Einzelnen seinen fairen Prozess gewähren. Erdoğan ist keine Dauerlösung. Und: Im Handumdrehen haben wir politische Flüchtlinge aus Erdoğans Reihen hier in der Bundesrepublik und fragen uns dann hinterher, was schief gelaufen ist. Es brauch eine klare Struktur.

Präsident Erdoğan und seine konservative Partei zeichnen eine neue Qualität im Land meiner Vorfahren. Was bislang laizistisch geprägt war, wandelt sich nun ins Gegenteil. Minderheiten werden denunziert und unterdrückt, Intellektuelle mundtot gemacht und Regierungskritiker beseitigt. Auch Abgeordnete der demokratisch gewählten Oppositionspartei sind zum größten Teil inhaftiert. Die Demokratie wird seitens der gläubigen Partei mit Füßen getreten – und immer noch glauben sie dabei, demokratische Werte zu vermitteln. Das ist paradox! Eines ist sicher: die Angst bei den Menschen in der Türkei, ihre Meinung öffentlich kundzutun, hat sich manifestiert. Das hatten wir in der Geschichte des Landes so noch nie!

Ich kann mich zu dem Gesetz der Türkei nur wenig äußern, aber er macht Sinn! Interne Staatsangelegenheiten sollen auch intern bleiben. Daran wird sich Recep Tayyip Erdoğan aber nicht halten, er respektiert Gesetze kaum. Und: Er hat das halbe Volk hinter sich, das ihm in seinem Handeln bestätigt. Da er weiß, dass es bei dem bevorstehenden verfassungsreferendum knapp werden könnte, ist er auf die knapp fünf Millionen Stimmen aus Europa angewiesen.

Sie arbeiten mit der größten türkischen TV-Produktionsgesellschaft zusammen: wie ist die Stimmung dort? Versucht man, Einfluss zu nehmen, auf Themen, Drehorte, Szenen? Müssen Sie sich vom türkischen Staat „durchleuchten“ lassen, wenn Sie aus Deutschland für die türkische Firma arbeiten?

Natürlich sind auch diese Künstler befangen. Längst kann man nicht mehr alles inszenieren. Die schwere Keule der Zensur schwebt deutlich über der Kunst , engt ein – somit kann man Geschichten nicht so erzählen, wie man sie eigentlich vorantreiben möchte. Ständig werden fertige Szenen rausgeschmissen oder gekürzt, die eigentlich wichtig sind für den Verlauf jener Erzählung. Da ist man als Filmemacher frustriert, wenn man sein Handwerk nicht mehr ausüben darf, wie man es gelernt hat. Filme aus dem Ausland gelten deshalb als ein Schlaraffenland für türkische Filmschaffende. In der Türkei prüfen beispielsweise die TV-Sender vorab das Werk auf Herz und Nieren: Sie haben Angst, dem Staatschef zu mißfallen. Alleine für die erste Folge unserer Serie waren 52 Korrekturen nötig. Hier wurde zu viel geküsst, dort fiel ein böses Wort… So etwas kann zum Sendeverbot führen. Leichter hat man es, wenn man regierungsnah inszeniert: Da kann man schon für einen noch lebenden Präsidenten eine filmische Umsetzung seiner Biografie fürs Kino entwickeln. Die Frage stellt sich, wie wohl die Finanzierung zustande kam…

Persönlich wurde ich zwar nicht ermahnt, aber wie Sie wissen, bin auch ich als Journalist für eine Freiburger Zeitung tätig. Hier habe ich schon den einen oder anderen Frust zu Papier gebracht. Ich weiß natürlich nicht, was passiert, sollte ich in die Türkei einreisen. Der Präsident hat ja persönlich dazu aufgerufen, all diejenigen zu melden, die sich regierungskritisch äußern! Dazu hat der türkische Staat eine eigene staatliche Anlaufstelle eingerichtet. Der Journalist Deniz Yücel ist mit seiner jüngsten Festnahme das beste Beispiel dafür, dass der Despot vom Bosporus alles machen kann was er möchte. Und der Rest der Welt schaut zu.

Gibt es in Deutschland eine türkische Gemeinschaft, die sich von diesem Land, diesem Staat separiert? Wer ist das und warum finden diese Menschen keinen Zugang zu unserem Gemeinwesen? Warum verlassen sie Deutschland nicht, wenn sie die hiesigen Zustände so unerträglich finden im Vergleich zu denen in ihrer Heimat?

Die türkische Community gibt es seit Jahren in Deutschland. Sehen Sie, als die türkischen Gastarbeiter vor über 50 Jahren nach Deutschland kamen, gab es keinen Deutschkurs, keinen Katalog gesellschaftlicher Maßnahmen. Aus diesen Fehlern hat man heute gelernt – damals hat das Deutschland nicht interessiert, denn nach ein paar Jahren würden die ja ohnehin wieder zurück nach Anatolien gehen. Aber: Niemand hat mit den Kindern gerechnet, die in Deutschland auf die Welt kamen. All die Migranten aus der Gastarbeitergeneration haben gelernt, untereinander klarzukommen. Aber um Menschen integrieren zu können, ist die schwierigste Barriere zu überwinden – die fremde Landessprache. Die Türken damals wurden isoliert, eingepfercht und haben sich meist unter ihres Gleichen bewegt um sich wohlfühlen zu können, fern von Zuhause. Gastarbeiter waren Menschen zweiter, dritter Klasse. Ich erinnere mich noch: meine Lehrerin fragte in der Grundschule was denn Pantoffeln seien. Den Beisatz, „die ausländischen Kinder wissen das bestimmt nicht“ konnte sie sich nicht verkneifen. Natürlich habe ich es gewusst, war aber immer Kind zweiter Klasse. Ein Zugang zum Gemeinwesen war damals fremd, Türken sprachen ja kaum die Sprache und konnten selbst Einfachstes nur mit Mühe erklären. Meine Mutter erzählte mir, dass sie damals ein einfaches Hähnchen kaufen wollte um ein Mittagessen zuzubereiten. Im Laden war ihre einzige Möglichkeit auf dieses Fleisch aufmerksam zu machen, indem sie einen Hahn imitierte.

Selbstverständlich werden gerade die Erdoğan-Befürworter Deutschland nicht einfach verlassen. Sie haben sich hier eingewöhnt. Multikulti ist ein Teil ihrer Gesellschaft, den sie geschaffen haben, weil sie ihn schaffen mussten. Nur: das gibt es so in der Türkei nicht. Sie vergessen, auch sie sind hier geboren und sprechen heute die deutsche Sprache. Da ist kein Grund, zurück zu gehen, zumal es nicht wirklich mit „zurück gehen“ gleichgestellt werden kann: Viele von ihnen kennen das Land ihrer Väter gerade mal aus Urlaubstagen, mehr nicht. Wieso also ein Land verlassen, indem es mir gut geht und ich zuhause bin, seit über 50 Jahren?

Es gibt die türkischen Minderheiten, beispielsweise die Aleviten. Diese Glaubensgemeinschaft machen circa 30 Prozent der türkischen Bevölkerung aus. Zum größten Teil wählen sie nicht die AKP, da sie in der Gesellschaft nicht akzeptiert sind. Erdoğan will ihren Glauben nicht als solchen anerkennen. Anders ist es bei vielen Gläubigen und Anhängern der AKP. In ihrem Interesse wird gesprochen und seit Jahren Politik gemacht. Sie vergöttern Erdoğan wegen seines Durchsetzungsvermögens. Durch ihn sehen sie sich mit Europa endlich auf Augenhöhe, nun sagt denen mal einer, was sie immer gefühlt haben. Das führt zu einer euphorischen Stimmung. Natürlich könnte man sagen, dass genau diese Anhänger mit ihren Stimmen für die AKP die Demokratie in ihrem Herkunftsland begraben, während sie diese hier in vollen Zügen genießen. Aber so nehmen Sie das nicht war. Bei den meisten Migranten in Deutschland, die Erdoğan wählen, ist die Integration gescheitert. Und: Für große Töne sind wir Türken immer zu haben. Und wenn es dazu noch Geld für die Stimme gibt, was braucht man mehr? Dann wird es richtig laut!

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