Markgräfler Bürgerblatt

Dauerzustand Katastrophe: Seit zehn Jahren hebt sich die Erde in Staufen

Michael Benitz musste angesichts der Rissekatastrophe Beruhigen, Schlichter sein und Interessenvertreter von Staufens Bürgern. Foto: Salzer-Deckert

 

Vor mehr als zehn Jahren hat der Gemeinderat in Staufen beschlossen, dass das historische Rathaus eine auf dem Prinzip der Geothermie basierende Heiz- und Kühlanlage bekommen sollte. Ein Beschluss mit Folgen: Durch die Erdwärmesonden wurde unter Druck stehendes Grundwasser angebohrt, welches dann in eine Gesteinsschicht aus sogenanntem Gipskeuper aufsteigen konnte.

Dieses Material enthält das Mineral Anhydrit, welches im Kontakt mit Wasser aufquillt und zu Gips wird. Die Folge: in den Monaten nach den Erdwärmebohrungen vom Sommer 2007 begann die Erde unter der Altstadt aufzuquellen. Aus kleinen Rissen an den Häusern wurden bald regelrechte Spalten in und zwischen den Gebäuden. Binnen drei Jahren wurden rund 270 Häuser in Mitleidenschaft gezogen, zwei städtische Bauten mussten abgerissen werden.

Der Sachschaden liegt bei mindestens 50 Mio. Euro. Mittlerweile liegt das Rathaus in der Stadt mehr als 60 cm höher über dem Meeresspiegel als vor zehn Jahren. Dazu kommen seitliche Verschiebungen. „Wir betreiben permanentes Schadensmanagement“, so Bürgermeister Michael Benitz. Ein Karlsruher Büro schaut sich regelmäßig die Gebäudeschäden an und sagt, welche Sofortmaßnahmen nötig sind.

Das Land Baden-Württemberg hat 2014 beschlossen, dass bis 2028 jährlich 1,6 Mio. Euro für die Folgen der Rissekatastrophe bereitgestellt werden. Land und Städtetag hätten sich solidarisch gezeigt in einer Situation, in der ein Schuldiger schwer zu bestimmen gewesen sei, so Benitz, dem es gelungen ist, erfolgreich ein Schlichtungsverfahren auf den Weg zu bringen, welches bis heute in mehr als 400 Fällen Soforthilfe ermöglicht hat. Vertragspartner der Stadt bei den Schlichtungen ist die Interessengemeinschaft der Rissgeschädigten („IG Risse“). Ein IG‘ler ist Wolfgang Trch: „Es war beängstigend in der Anfangszeit“, erinnert der pensionierte Gastronom sich. „Keiner wusste, wie es weitergehen soll.“ Die Schlichtungsordnung sei dann aber befriedigend ausgefallen. Man spreche sozusagen mit einer Stimme. Staufen sei, so auch das Fazit des Bürgermeisters, in seinem Zusammenhalt eher gestärkt.

Und die Katastrophe wurde gebändigt: Die Erdwärmesonden wurden mit Spezialzement abgedichtet. Und es wurden drei Brunnen gebaut. Sie verhindern, dass weiteres Wasser mit dem Anhydrit in Berührung kommt. Seit 2010 wird eine Verlangsamung der Hebungen festgestellt, die bis heute anhält. Doch noch sind die Quellprozesse nicht zum Stillstand gekommen: Die Stadt hebt sich noch immer um bis zu knapp zwei Millimeter im Monat. Nur die Ränder des Hebungsbereichs sind nicht mehr betroffen. „Man muss es nehmen wie es ist“, sagt Wolfgang Trch. „Wir hoffen, dass die Pumpen nicht ausfallen und die Hebungen irgendwann aufhören.“ (RD)

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