Markgräfler Bürgerblatt

40 Jahre Gemeindereform

Der Schlußpunkt der Gemeindereform – und Schmerz für manchen aufrechten Markgräfler: die alten Ortsschilder verschwinden. Foto: Amann

Mehr Vernunftehe denn Liebesheirat

Müllheim. Der Austausch der Ortsschilder war der äußere Abschluss der Gebiets- und Gemeindereform in Baden-Württemberg zwischen 1968 und 1975. Die Landespolitik reduzierte damals 3384 selbständige Kommunen auf 1101 Verwaltungseinheiten. Aus Markgräfler Orten wie Hügelheim und Liel beispielsweise wurden Stadt- bzw. Ortsteile von Müllheim und Schliengen, die Bädergemeinde Bad Bellingen entstand neu aus Bad Bellingen, Hertingen, Bamlach und Rheinweiler.
Im Rückblick kann man nur staunen, welche Markgräfler Orte im Zuge der Gemeindereform sich wie ein Ehepaar aneinander gewöhnen mussten. Die Gemeindereform löste seinerzeit heftige Emotionen querbeet durch Orte und Parteien aus, die heute eher schmunzeln lassen. Es gab lokalpatriotische Gewitter in Gemeinderatsitzungen, in Bürgerversammlungen und an Stammtischen, aber auch demokratische Abstimmungen in den Bürgerschaften.
Tatsächlich gab es durchaus Gründe für die kommunalpolitische Leidenschaft. Zum einen waren „Mitgift“ und Forderungen der Ortschaften für die Vernunftehe mit den neuen Zentren arg unterschiedlich, zum anderen gab es links und rechts der B3 auch konfessionell begründete, historisch gewachsene Abneigungen gegeneinander. Mit Versprechungen für neue Kindergärten, Festhallen und Schwimmbäder wurde Zögerlichen „Dampf unter den Hintern“ gemacht, es gab politische Drohungen aus Stuttgart und Freiburg – Motto: „Wenn ihr nicht freiwillig zusammen findet, dann wird „von oben“ entschieden!“
Einig ist man heute: Die Kreis-, Gemeinde – und Schulreformen waren Ende der 1960er Jahre in Baden-Württemberg unabdingbar geworden, um die Schieflagen bei den Infrastrukturen und Finanzen in kleinen Gemeinden zu beseitigen – Eigenständigkeit mit 500 oder 700 Einwohnern hatte keine Zukunft mehr. Politisch funktionierte das Projekt deshalb, weil eine große Koalition aus CDU und SPD dahinter stand.
Jeder Markgräfler Ort hat seine eigene Reformgeschichte und vielleicht findet sich ein Doktorand, der die damaligen Ereignisse an ausgewählten Beispielen aufarbeitet. Noch gibt es zahlreiche in Ehren ergraute Akteure der Gemeindereform, die über Akten und Zeitungsberichte hinaus eine Menge „zum verzelle hen“, zum Beispiel über die Auswirkungen der Gemeindereform auf die Entwicklung der Kultur -und Sportvereine. (KA)

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